Music Mapping Vienna goes Hollywood

von Kathrin Raminger

Die Musikstadt Wien erstreckt sich weit über ihre eigentlichen Grenzen hinaus: Sie lässt sich auch im fernen Kalifornien noch konkret verorten. Im Sommer 1950 nämlich entsandte das damals von den Alliierten besetzte und mitten im Wiederaufbau befindliche Wien eine Hand voll Erde vom Grabhügel des Walzerkönigs Johann Strauss Sohn (25. Oktober 1825 – 3. Juni 1899) nach Hollywood, wo sie vor der Bühne des monumentalen Freilufttheaters The Hollywood Bowl „als Symbol der engen Verbundenheit, die wir Menschen wenigstens in der Musik empfinden“[i] am 1. August 1950 in einem feierlichen Akt mit der kalifornischen Erde vermengt wurde.[ii]

Zwar ging die Initiative für diese Geste der kulturellen Vereinigung und dauerhaften Verbundenheit nicht von der Stadt Wien selbst, sondern von der „Hollywood Bowl Association“ aus[iii], doch lag dieser völkerverbindende Akt ohne Zweifel auch ganz im Interesse der österreichischen Hauptstadt, die, zunehmend zermürbt durch die langjährige Besatzung, im Rahmen des kulturellen Wiederaufbaus Musik als wesentliches Mittel einsetzte, um bei den Alliierten und international für die Unterstützung der politischen Unabhängigkeit Österreichs zu werben.[iv] Im bereits schwelenden Kalten Krieg stand nicht zuletzt die Vermittlerfunktion Österreichs zwischen Ost und West im Zentrum, und die österreichische Musikkultur diente vor diesem Hintergrund als Argument für die schon im Austrofaschismus (1933–1938) propagierte „österreichische Sendung“, mit der das Österreich der Nachkriegszeit nunmehr seine Europareife demonstrieren und zugleich „westliche“ Werte verbreiten wollte.[v]

Wien hätte sich zudem keinen passenderen kulturdiplomatischen Vertreter als den von der Hollywood Bowl Association gewählten Johann Strauss Sohn wünschen können: Kaum einer verkörpert das so oft beschworene völkerverbindende Element der Musik treffender als der Wiener Walzerkönig, dessen Verklärung als (über-)nationale Ikone des habsburgischen Vielvölkerstaats einerseits und Personifizierung der Wiener Identität andererseits schon zu seinen Lebzeiten einsetzte. So wurden Strauss und sein musikalisches Werk als Repräsentanten einer neuen Ära der Habsburg-Monarchie und als „typisches“ Produkt des gründerzeitlichen Wiens inszeniert, das von rasantem Wachstum und internationalen Einflüssen durch die Zuwanderung aus den Kronländern, aber auch von Industrialisierung sowie politischer Liberalisierung und gesellschaftlicher Modernisierung geprägt war.[vi] Der internationale Erfolg des Komponisten diente dem offiziellen Österreich zudem als Beleg, dass es trotz der folgenreichen militärischen Niederlage gegen das Deutsche Reich 1866, die zum Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867 führte, auf kulturellem Gebiet nach wie vor eine Stellung als Weltmacht innehatte.[vii] Diese Form der Instrumentalisierung Johann Strauss‘ wiederholte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918, das den Zusammenbruch der K.u.K.-Monarchie als Verlierermacht und die Ausrufung der Ersten Republik mit sich brachte: Erneut wurde der international gefeierte Komponist bemüht, um das Image Wiens als völkervereinende und friedliebende Stadt zu propagieren, während die Enthüllung des Johann-Strauss-Denkmals im Wiener Stadtpark 1921 als Sinnbild für das Wiedererstehen der Stadt und die wiedererwachende Lebenslust der Bevölkerung nach dem verheeren Krieg inszeniert wurde.[viii] Aber auch die internationale Solidarität und Hilfsbereitschaft, die Österreich etwa in Form der sogenannten „Liebesgaben“ entgegenschlugen, wurden den Leistungen Strauss‘ als Botschafter eines liebenswürdigen, arglos-naiven Österreich zugeschrieben:

„Durch Johann Strauß mehr als durch andere ist Wien weltbekannt und weltbeliebt geworden, und in seinem Reiche herrschte wirklich ewiger Friede, ein Völkerbund der lustvollen Bewegung, der herzgewinnenden, alles erobernden, unwiderstehlichen Harmonie. […] [N]och immer leben herrlich wie am ersten Tage seine Werke, und so lange sie leuchten, unerreicht und unerreichbar, so lange wird auch Wien nicht gänzlich sterben und immer wieder ausgegraben werden und auferstehen. […] Daß wir nicht gänzlich verlassen sind, daß viele Tausende von Menschen diese Stadt beschenken, daß unsere Kinder offene Türen finden, daß ihre Leiden ein Weltereignis wurden […], wir verdanken es auch dem Meister, der Wiener Art verkörpert, die echte Wiener Art, die offen ist und zugänglich den Scherzen, die auf leichten Sohlen geht, wie voll Grazie und ungezwungen, ohne eine Spur von Muckertum und doch niemals ins Freche mündend oder das Sittliche verletzend.“ [ix]

Und so hieß es über den Walzerkönig Johann Strauss konsequenterweise auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich Österreich international als erstes Opfer der aggressiven nationalsozialistischen Expansionspolitik positionierte, wieder: „Einen besseren Minister und Gesandten als ihn hat Österreich nie gehabt. […] Das Verständnis des Wieners für das Nachbarliche, seine Aufgeschlossenheit für das Fernhertönende, seine vermittelnde Funktion zwischen den nationalen Kulturen prägten sich in den Werken Strauß‘ zu einer weltbezwingenden Internationalität.“[x] Der Erfolg dieser kulturdiplomatischen Strategie stand für den Wiener Bürgermeister Theodor Körner (24. April 1873 – 4. Jänner 1957) außer Zweifel. Er zeigte sich überzeugt, dass Wien einmal mehr den Melodien und Operetten Johann Strauss‘ „in reichem Maße die Sympathie und Hilfe, die es in schwerer Zeit aus aller Welt erhalten hat“ zu verdanken habe.[xi]

Ausgerechnet den Betreibern der Hollywood Bowl allerdings brachte Johann Strauss weniger Glück: Nur etwa ein Jahr nach der Verbringung von Erde seines Grabhügels nach Los Angeles gelangte im Juli 1951 in der Hollywood Bowl Strauss‘ weltberühmte Operette „Die Fledermaus“ zur Aufführung. Die überteuerte Produktion floppte grandios und brachte die ohnehin bereits angespannte finanzielle Situation der Spielstätte zum Kippen. Konsequenz: die einzige Spielzeitunterbrechung und kurzfristige Schließung der Hollywood Bowl in ihrer mittlerweile rund 100-jährigen Geschichte.[xii]

 

[i] Sh. Amtsblatt der Stadt Wien, Nr. 6, 20. Jänner 1951, S. 16. Online verfügbar unter: https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/pageview/1693422, 18.04.2018.

[ii] Vgl. Die Erde vom Grabe Johann Strauß‘ in Kalifornien (2.9.1950), in: https://www.wien.gv.at/rk/historisch/1950/september.html, 18.04.2018.

[iii] Vgl. Erde vom Grabe Johann Strauß nach Kalifornien (15.6.1950), in: https://www.wien.gv.at/rk/historisch/1950/juni.html, 18.04.2018.

[iv] Vgl. Mayer-Hirzberger, Anita und Cornelia Szabó-Knotik, Österreichs „Tor in die Welt“. Musik als Mittel der Kulturpropaganda nach dem Zweiten Weltkrieg, in: ÖMZ, Nr. 4, 2005, S. 12.

[v] Sh. dazu: Mayer-Hirzberger, Anita, Im Schatten der Vergangenheit – Musikgeschichtsbilder als Mittel der Identitätsstiftung in der jungen Zweiten Republik, in: Grassl, Markus / Reinhard Kapp / Cornelia Szabó-Knotik (Hg.), Anklaenge 2006. Österreichische Musikgeschichte der Nachkriegszeit, Wien: Mille Tre Verlag, 2006, S. 13–29.

[vi] Vgl. Crittenden, Camille, Johann Strauss and Vienna. Operetta and the Politics of Popular Culture, Cambridge et al.: Cambridge University Press, 2000, S. 86.

[vii] Vgl. ebd., S. 3.

[viii] Vgl. o. V., Die Enthüllung des Johann-Strauß-Denkmals, in: Neue Freie Presse, 27. Juni 1921, S. 5–6.

[ix] o. V. Johann Strauß. Einige Worte über sein Wien, in: Neue Freie Presse, Nr. 20411, 26. Juni 1921, S. 1.

[x] Bienek, G. K., Das Leben eines Freudenbringers. Zum 50. Todestag Johann Strauß‘, in: Arbeiter-Zeitung, Nr. 128, 2. Juni 1949, S. 5.

[xi] o. V., Huldigung am Johann-Strauß-Denkmal, in: Arbeiter-Zeitung, Nr. 129, 3. Juni 1949, S. 3.

[xii] Vgl. Hollywood Bowl History, in: https://www.hollywoodbowl.com/about/bowl/hollywood-bowl-history/, 18.04.2018.

FUNDSTÜCKE: Der Kapellmeister – September 1924: „Zielvolle Pflege wertvoller Melodien“

„Keine Stadt der Welt hat eine so geniale musikalische Vergangenheit aufzuweisen, wie das lieblich am breiten Bande der Donau und an den sanft grünenden Hügeln des Wienerwaldes hingeschmiegte Wien. In diesem blühenden Kranz von Naturschönheiten lag auch einst die Seele seiner Musiker.“

So schreibt Bert Silving, der sich vor seiner Zeit bei beim Radio in Wien als Schubert Imitator etabliert hatte. Der Text stammt aus dem Geleitwort der ersten Ausgabe von „Der Kapellmeister“, die Zeitschrift gab Silving 1924 für kurze Zeit heraus.

Er leitete ein Ensemble, das mehrfach täglich die für die Zeit typischen „ernst-heiteren“ Musikstrecken bestritt. Seine Funktion und sein Wirken sah Silving ganz im Dienste und Geiste der großen Wiener Musiktradition, die er in die Gegenwart zu führen trachtete.

„Der moderne Kapellmeister hat neben seinem Broterwerb, im Sinne dieser vorläufig noch nicht zahlreichen Wortführer einer neuen Volksmusikepoche, eine große Mission zu erfüllen. Seine Aufgabe ist es, die große Masse der Zuhörer durch eine zielvolle Pflege wertvoller Melodien dem seelenlosen Rhythmus abspenstig zu machen und sie der Kunst, die doch der Spiegel der Seele und des Herzens sein soll, wieder in die Arme zurück zu führen.“

Mit diesen Worten empfahl sich Bert Silving ausdrücklich als Kapellmeister für den Rundfunkbetrieb – bezeichnenderweise erschien die besagt Zeitschrift nur kurz, gerade als Radio Hekaphon der Sender, der Silving zurerst beschäftigt hatte, den Betrieb einstellte. Dass ab Oktober die RAVAG Silving in ihre Dienste nahm, könnte mit ein Grund gewesen sein dafür, dass „Der Kapellmeister“ nicht weiter erschien. Im DokuFunk Archiv in Liesing findet sich eines der wenigen Exemplare der Zeitschrift, die uns zeigt: Die historische Musikstadt erfanden nicht erst die Nazis oder der Heimatfilm der 1950er – das große Erbe, die Inspiration, die schon in der Luft liegt, die Wienerstadt als Nährboden genialer Musikproduktion wurde schon in der Ersten Republik „besungen“, auch von einem jüdischen Rundfunkkapellmeister.

(Paul Lohberger für IMMV, Februar 2018)